Die Schulleiter der Oberstufenschule Progymatte berichten

Liebe Ehemalige!
Liebe Ehemalige!
Das Schuljahr 2010/11 wäre fast ein normales Jahr mit Veranstaltungen im üblichen Rahmen wieSporttag, Spielmorgen, Landschulwochen, Skilager, BIVOS-Prüfungen etc. gewesen. Im nachfolgenden Abschnitt berichten wir von Ereignissen und Situationen (jeweils als Titel angeführt), die im vergangenen Schuljahr im Rückblick eben doch von der Normalität abgewichen sind:
Die Integration bringt LehrerInnen und Schulleitung an ihre Grenzen! Die gut gemeinte und für Betroffene verständliche Haltung, für alle das Beste zu wollen, dafür aber massive Belastung und Einschränkungen in Kauf zu nehmen, führt dazu, dass grosse Abstriche an der positiven Wirkung der Integrationsbemühungen gemacht werden müssen. Zu riLZ (reduzierte individuelle Lernziele) und einer inneren Differenzierung (jedem Lernenden sein besonderes Programm) entsprechend dem persönlichen Leistungsstand innerhalb der Klasse kommen laufend Gespräche mit Eltern und den verschiedensten Amtsstellen (Erziehungsberatung, Schulsozialdienst, Gewaltpräventionsstelle) und im Klassenteam, in denen immer wieder die gleichen Probleme der gleichen SchülerInnen besprochen werden. Wir stellen fest, dass unserer LehrerInnen einen gewichtigen Teil der Arbeitszeit in Gespräche und Erziehung der SchülerInnen (heute SuS genannt) investieren müssen. Sie werden zwar von Spezialisten der IF (integrativen Förderung) unterstützt, allerdings nur in zeitlich beschränktem Umfang von wenigen Lektionen. Die übrige Zeit sind sie mit den schwierigen Fällen auf sich gestellt. Schwierigkeiten und Demotivation erkennen wir auch immer mehr in Sekundarklassen. Dies hat auch mit der Erwartungshaltung unserer Gesellschaft zu tun, dass auch ungeeignete SuS ins Sekundarniveau eingeteilt werden und dort den Anforderungen nur knapp genügen, was sie demotiviert. Zum Glück können wir auf motivierte Kolleginnen und Kollegen zählen, wobei einzelne die Grenze der Belastbarkeit erreicht haben und gesundheitliche Folgen verspüren (ein Kollege ist seit einem halben Jahr wegen Burn-out krank geschrieben!) Die Unterstützung durch den Kanton reicht bei weitem nicht aus, um die zusätzlich aufgebürdete Arbeit auszugleichen. Dabei hat ein Berichterstatter nach der Gewerkschaftstagung von LEBE in der Tagespresse als Titel geschrieben: LehrerInnen jammern wie die Bauern. Da war garantiert ein Schreiberling am Werk, der entweder neidisch war auf unsere schulfreie Zeit oder aber persönlichen Frust aus der eigenen Schulzeit auf diese Weise loswerden wollte. Wir haben letztes Jahr berichtet, dass wir eine zusätzliche Spez-Sek-Klasse eröffnen mussten, weil von den abgebenden Lehrkräften mehr SuS als ursprünglich gemeldet für dieses Niveau eingeteilt wurden. Nach einem Semester Probezeit wäre dies schon nicht mehr nötig gewesen. Nicht alle SuS haben die Promotion geschafft, konnten aber nicht ins tiefere Niveau versetzt werden, weil dieses bereits selber «überfüllt» war. Klassengrössen von 27 oder mehr SuS sind heute problematisch. So müssen wir das durchlässige Manuelsystem wohl oder übel sistieren. Das neue Schuljahr bringt übrigens genau die gleiche Problematik! Glücklicherweise konnten wir belegen, dass eine vorgesehene Klassenschliessung unter diesen Umständen pädagogisch und organisatorisch fatal wäre. Dank dem Verständnis und der Unterstützung durch die Behörden und den Inspektor wurde auf die Schliessung verzichtet. (Danke!!!)
Gesellschaftliche Schizophrenie
Einerseits wollen Eltern unbedingt ihr Kind zumindest in der Sekundarklasse eingeteilt haben, kümmern sich aber dann nicht mehr gross darum, wie es diesem dort ergeht. Zwei Beispiele:
• Ein Elternforum zum aktuellen Thema «Facebook und Internet – Fluch oder
Segen?» vermochte gerade 60 Eltern zu mobilisieren.
• Das Interesse an einer Mitarbeit im Elternrat, den nun auch wir auf der Oberstufe
einführen «dürfen», ist äusserst gering.
Die Wirtschaft beklagt sich einerseits über schlecht ausgebildete SchulabgängerInnen, andererseits ist in der Schweizerischen Lehrerzeitung folgendes zu lesen: Schon das klassische Griechenland habe erkannt, dass die Exzellenz den Göttern vorbehalten sei. Der Verfasser meint weiter, dass schliesslich in allen Unternehmen die Mittelmässigen die Hauptlast der Arbeit tragen und nur umsetzen, was sich die Spitze ausgedacht habe. Sie seien die Ruderer, ohne die das Boot selbst mit dem besten Steuermann den Strömungen ausgeliefert wäre. Er folgert, dass gute Schulen für alle ertragreicher und volkswirtschaftlich sinnvoller seien als Spitzenschulen für einige wenige.
Juristen haben das Sagen
Vermehrt versuchen Eltern Entscheide der Schulleitung mit juristischer Hilfe umzustossen. Da kann doch nun ein Schüler, dem der Besuch des freiwilligen 10. Schuljahres wegen inakzeptablen Verhaltens verweigert wurde, nach einer juristischen Intervention bleiben, obschon eine klar formulierte Vereinbarung nicht eingehalten wurde. Begründung: Ein Schüler in dem Alter (15) könne noch gar nicht in der Lage sein, einen solchen persönlichen Vertrag einzuhalten (mit Bedingungen wie … Arbeiten fristgerecht abgeben, den Unterricht nicht stören, die Anweisungen der LehrerInnen befolgen, beweisen, dass der Besuch des 10. Schuljahres wirklich angestrebt wird …) Wozu soll denn der Artikel 42.2 des Volkschulgesetzes noch angewendet werden? Der Kanton sieht vor: (…) zur Erlangung einer abgeschlossenen Volksschulbildung können Schülerinnen und Schüler auf Gesuch de besuchen. Vermögen sie dem Unterricht nicht zu folgen oder bereiten sie durch ihr Verhalten besondere Schwierigkeiten, kann die Schulkommission den Besuch verweigern oder sie vom Besuch ausschliessen. Wir fragen uns, wo für die Lehrpersonen die Akzeptanz von Verhaltensauffälligkeiten, von Arbeitsverweigerung und von Desinteresse an einer Weiterentwicklung noch zumutbar ist. Ein 10. Schuljahr (das übrigens pro Schülerin oder Schüler mehr als Fr. 11 000.– pro Jahr kostet) wird im Normalfall bewilligt, wenn keine besonderen Probleme bestehen. Sind solche vorhanden, geben wir den SuS in Zusammenarbeit mit den internen Fachpersonen eine oder mehrere zusätzliche Chancen, einen Vertrag zu erfüllen. Da treten nun eben die Juristen auf den Plan, und wir geraten in die unerfreuliche Situation, dass wir dann unter Umständen das Volksschulgesetz nicht mehr anwenden können. Wir stellen folgendes fest: Jene SuS, die von uns die Bewilligung eines zehnten Schuljahres an der Volksschule nicht bekommen haben, aber durch externe Beurteilung nun doch bleiben können, sollten doch besser mit ihren gleichaltrigen Kameraden die Schule verlassen und in die «Freiheit des Erwachsenenlebens» entlassen werden. Die Schulvorschriften sind ihnen offenbar unbequem. Wir würden es daher sehr begrüssen, wenn an den Berufsvorbereitenden Schulen im Kanton Bern solche SuS in ein 10. Schuljahr aufgenommen werden könnten.
Politischer Umbruch
Die kantonalen Politiker haben beschlossen, die Kosten der Volksschule im Lastenausgleich neu zu regeln: Gemeinden spüren nun direkter die finanzielle
Entlastung, wenn sie Klassen schliessen. Wir befürchten, dass finanzielle Überlegungen über die pädagogischen Erfordernisse gestellt werden. Aber uns Lehrern/Lehrerinnen, die wir ja den Beruf nicht «des Geldes wegen, sondern aus „Berufung“ ergriffen haben, traut man zu, dass wir auch diese kommende Sparübung zur Kenntnis nehmen werden. Die Entwicklung könnte schneller, als allen lieb ist, zur gleichen Situation wie im Kanton Zürich führen, wo die Verweildauer im Beruf bei jungen Lehrkräften und Schulleitungen nur mehr drei bis vier Jahre beträgt, bevor sie das Bildungswesen verlassen! Mit Lohnerhöhungen hat man in Zürich inzwischen den drohenden Lehrermangel abwenden können, die Kantone Aargau und Solothurn haben nachziehen müssen, um ihrerseits ihre Lehrkräfte an der Abwanderung nach Zürich zu hindern. Wann werden wir die gleiche Entwicklung im Kanton Bern erleben? Übrigens: Die Lohndifferenz zwischen Zürcher und Berner Lehrern ist etwa 24 %. Ein interessierter potenzieller Rückkehrer in den Lehrerberuf Bern konnte sich dies nach 15 Jahren Arbeit bei der Eidgenossenschaft schlicht nicht leisten, eine Lohneinbusse von mehr als Fr. 3500.–/Monat wäre die Folge gewesen. Bei den zu befürchtenden weiteren Sparmassnahmen im Kanton Bern, die wohl besonders durch das Kantonspersonal, die Lehrerschaft und durch das Pflegepersonal getragen werden müssen, können wir Schulleiter nur noch hoffen, dass sich irgendwann doch die Einsicht durchsetzt, dass eine gute Schule auch motivierte Lehrkräfte braucht! Aber halt, es gab ja auch die positiven Seiten, die uns trotz allen momentanen Widerwärtigkeiten in unserem Beruf verweilen lassen:
Technische Aufrüstung
Seit letzten Sommer sind alle unsere Zimmer mit Beamern und Audioanlagen eingerichtet. Das Angebot im ICT-Bereich (Computer) haben wir massiv ausgebaut: Neben den beiden Zimmern mit je 16 stationären Geräten stehen drei Wagen mit je 12 mobilen Geräten zur Verfügung. (Selbstverständlich haben wir diese Geräte nach misslungenen Einbruchversuchen besonders sichern müssen!)
Swiss Olympic Partner School
Neuerdings sind wir zertifizierte Partnerschule von Swiss Olympic. Dank der nun zehn Jahre dauernden Aufbauarbeit wurde die Organisation des K+S (Kunst und Sport)-Bereichs als zertifikatswürdig eingestuft. Auch der Kanton hat nun endlich seine Zustimmung gegeben, die Arbeit auch mit Entlastungslektionen zu honorieren.
Progy Goes Rhythm
Das neue Team unserer Musiklehrkräfte hat mit grosser Unterstützung des gesamten Kollegiums ein neues Grossereignis vorbereitet: Rhythmische Darbietungen mit allen möglichen Klang erzeugenden Gegenständen im Wechsel mit Chorgesang, Orchesterklängen und rockiger Musik der neuen Schülerband vermochte im neuen Schadausaal (pardon: im KKT) die zahlreichen KonzertbesucherInnen zu begeistern. Der «Turnaround» nach den traditionellen Weihnachtsmusicals der letzten 30 Jahre ist geschafft. Die Zukunft der Musikaufführungen unserer Schule ist gesichert. Neu bieten wir auch in einem speziellen «Powerchor „musikalische Stimmbildung und Gesang“ für Fortgeschrittene an.
«Einsturzgefährdete Turnhalle»
Was jahrzehntelang möglich war, durfte nicht mehr sein: Eine Schlussfeier mit allen SuS und allen Eltern in einer Turnhalle sei mit den statischen Vorgaben der Halle nicht mehr möglich. Die Schlussfeier auf zwei Abende aufzuteilen hat «nicht wirklich Spass gemacht»! Wir werden nun ein neues Konzept prüfen und in einem Jahr darüber berichten.
Ausblick
Die Vorbereitungen für eine Projektwoche im Juni 2012 sind angelaufen. Den Abschluss der Spezialwoche unter dem Motto «Der Prögu tanzt» (in Anlehnung an das Schweizer Projekt «die Schweiz tanzt» wird wiederum eine Veranstaltung im KKT bilden (Konzertdaten: Mo 1.7. und Di 27.. jeweils um 19.30 Uhr (Billette für reservierte Plätze bei der Schulleitung 033 225 50 80 ab April 2012). Für die Feierlichkeiten 175 Jahre Progy (Sommer 2013) ist ein Organisationsteam im Aufbau. Weitere Vorinformationen in einem besonderen Artikel in diesem VTP-Blatt.
Es bleibt uns nun noch herzlich zu danken:
• dem Hauswarteehepaar Andres und Beatrix Studer mit seinen Helferinnen
• unserer Sekretärin, Schulhelferin, Materialverwalterin und Helferin in allen Nöten,
Frau Denise Scholl
• der Bibliothekshelferin, Frau Weber
• unseren Kolleginnen und Kollegen, die trotz vielen Zusatzaufgaben ihre
verantwortungsvolle Aufgabe mit grossem Einsatz erfüllen; ein ganz besonderer
Dank geht an Reto Burri, der nach fünf Jahren am Prögu nun definitiv in die
GIB(Gewerbeschule) Thun wechselt.
• allen Behördemitgliedern (Schulkommission, Inspektorat, Amt für Bildung und
Sport) für ihre Unterstützung
• der grossen Mehrheit unserer 360 SchülerInnen für ihre grundsätzlich positive
Grundhaltung
• denjenigen Eltern, die uns auch bei vorkommenden Differenzen grundsätzlich in
unseren Bestrebungen unterstützen, eine gute Schule mit viel Tradition zu sein und
zu bleiben.
Ein besonderer Dank gilt auch der «Vereinigung Ehemaliger Thuner Prögeler», die uns in finanzieller Sicht immer grosszügig unterstützt. Allen Austretenden wünschen wir viel Erfolg und hoffen, mit ihnen später im Rahmen der VTP über «alte Zeiten am Prögu» reden zu können.